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Horst Köhler
 

 

Horst Köhler – gestern noch Supermann, heute schon Hellseher?

Mühltal, 24. Juli 2005

Lieber Herr Bundespräsident,

vor einigen Monaten konnte man Sie in der Bildzeitung noch als Supermann bewundern, morgen vielleicht schon mit einer Kristallkugel in der Hand?
Denn die Begründung, mit der Sie am Donnerstag den Deutschen Bundestag aufgelöst haben1, setzt in der Tat hellseherische Fähigkeiten voraus. Oder woher nehmen Sie sonst die Gewissheit, dass es nach vorgezogenen Neuwahlen eine "verlässliche, handlungsfähige Mehrheit im Bundestag" gibt? Laut einer Infratest Dimap Umfrage2 vom 21.07.05 kommt Schwarz-Gelb auf 49 Prozent, Rot-Rot-Grün auf nur einen Prozentpunkt weniger. Es besteht also Grund zur Annahme, dass die Verhältnisse eher instabiler werden, weil mit der neuen Links(-Rechts)Partei gnadenlose Populisten in den Bundestag einziehen würden, die nicht die allergeringste Ahnung haben, wie die Probleme dieses Landes zu lösen wären.

A propos Probleme – wo ist Ihr Optimismus geblieben, Ihre Zuversicht, das, was ich an Ihnen so schätze? Ich denke oft an Ihre Antrittsrede im Deutschen Bundestag zurück, an Ihre Rede zum Tag der Deutschen Einheit oder an die Rede, die Sie vor der Knesset gehalten haben. Das waren Reden!

Und jetzt? Wenn man Ihre Ansprache von Donnerstag liest, denkt man, das Ende der Welt sei gekommen. Ist es wirklich schon so schlimm? Haben wir Weimarer Verhältnisse? Und wenn das so sein sollte, wäre es dann nicht Ihre Aufgabe als Bundespräsident, dem entgegenzuwirken und den Bundestag gerade nicht aufzulösen? Das ist es doch, was die Väter unseres Grundgesetzes wollten, nie wieder Weimarer Verhältnisse, und deshalb, gerade deshalb kein Selbstauflösungsrecht des Parlamentes, sondern Wahlen alle vier Jahre.

Sie sagen, Sie haben auf Volkes Stimme gehört, schön, und was ist, wenn das Volk nächstes Mal aufgrund kurzfristiger Stimmungsschwankungen noch ganz andere Dinge fordert? Erzählen sie uns dann auch von E-Mails, die Sie bekommen haben, von Briefen usw.?

Sie haben den Deutschen Bundestag aufgelöst, obwohl am Tag vor Stellung der Vertrauensfrage noch eine Vielzahl an Gesetzen mit Regierungsmehrheit problemlos verabschiedet wurde, der schlagendste Beweis für das Nichtvorliegen einer materiellen Auflösungslage. "Gefühltes Misstrauen"3 allein reicht eben nicht.

Lieber Herr Bundespräsident, Ihre Aufgabe ist es, die Verfassung zu schützen, im Zweifel auch gegen die Mehrheit des Volkes. Diese Aufgabe haben Sie meiner Ansicht nach nicht wahrgenommen.

Jetzt kann uns wirklich nur noch Supermann retten: Udo di Fabio4 – Sie sind dran!

Herzliche Grüße

Karin Quade

1 Horst Köhlers Rede vom 21. Juli 2005:
http://www.bundespraesident.de/-,2.625010/Fernsehansprache-von-Bundespra.htm

2 Infratest Dimap Umfrage: http://www.infratest-dimap.de/?id=16

3 Treffende Bezeichnung des Grünen-Abgeordneten Werner Schulz, der beabsichtigt, Klage gegen die vorzeitige Auflösung des Bundestages einzureichen (ARD-Brennpunkt am 21.07.05, 20:15 Uhr)

4 Verfassungsrichter Udo di Fabio wird als Berichterstatter das Urteil des Zweiten Senats des Bundesverfassungsgerichts vorbereiten und mit den sieben weiteren Senatsmitgliedern entscheiden

Juristische Hintergrundinformationen: NJW 26/2005, S. 1844-1846
"Vorgezogene Bundestagswahlen: Überraschungscoup ohne Verfassungsbruch?"
Kommentar von Professor Dr. Wolf-Rüdiger Schenke und Privatdozent Dr. Peter Baumeister, Mannheim

Professor Dr. Wolf-Rüdiger Schenke vertritt den Bundestagsabgeordneten Werner Schulz in dessen beabsichtigtem Organstreitverfahren vor dem Bundesverfassungsgericht. Viel Erfolg!

 

Mühltal, May 23rd 2004

"We have to trust more in the power of freedom!"* With great pleasure. Best wishes to our newly elected Federal President, Horst Köhler!

"Wir müssen wieder mehr auf die Kraft der Freiheit vertrauen!"*
Sehr gerne. Alles Gute unserem neuen Bundespräsidenten, Horst Köhler!

* Horst Köhler in his speech today after having been elected / Horst Köhler in seiner heutigen Rede nach seiner Wahl zum Bundespräsidenten

© Karin Quade, May 23rd 2004

 

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