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Martin Walser
 

 

Mühltal, 26. November 2004

Liebe Debbie,

es gibt in Deutschland einen großen Schriftsteller, der im Jahre 1998 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten hat. Bei der Preisverleihung hat er eine Rede gehalten, die für großen Wirbel gesorgt hat, weil sie in einigen Passagen in höchstem Maße missverständlich war. Und anstatt sich dann zu den Vorwürfen zu äußern, schwieg Martin Walser. Ein großer Schriftsteller erläutert seine eigenen Texte nicht.

Statt Stellung zu beziehen, schrieb er ein Buch, das von der einen Seite als Satire auf den Literaturbetrieb gefeiert wurde, und auf der anderen Seite als antisemitisches Buch verurteilt wurde. Das Originellste, das ich darüber gelesen habe, war, dieser Roman sei nicht antisemitisch, sondern spiele lediglich mit antisemitischen Klischees. Und obwohl ich jetzt schon seit mehr als zwei Jahren über den Unterschied zwischen "antisemitisch sein" und "mit antisemitischen Vorurteilen spielen" grübele -, mir fällt partout nichts ein.

Damals wollte ich auf keinen Fall Geld ausgeben für ein Buch, das unter diesem Verdacht stand. Die Warteliste in der Bibliothek war ewig lang. Aber, um mir eine eigene Meinung zu bilden, kam ich dann doch nicht umhin, das Buch zu lesen. Als neulich in der Bibliothek nur noch eine Person vor mir war, ließ ich mir das Buch vormerken, die 60 Cent Vormerkungsgebühr war es mir dann doch wert.

Und? In diesem Roman wird ein Schriftsteller zu unrecht des Mordes an einem jüdischen Literaturkritiker beschuldigt. Anstatt sich zu rechtfertigen, schweigt er. Wir erkennen die Parallele!

Und ist es nun eine gelungene Satire? Wenn es hochkommt auf ein paar Seiten, auf den restlichen Seiten suhlt sich Martin Walser in der Rolle des unschuldigen Opfers. Eine Mischung aus gekränkter Eitelkeit, Geltungssucht und hasserfüllter Ironie springt dem Leser aus jeder Zeile entgegen. Widerlich. Und ich frage mich, wieviel Hass muss jemand empfinden, um Zeilen zu schreiben wie: "Man müsste mit den Kameraleuten reden, dass die ihm einmal mit dem Zoom aufs Mundwerk fahren, dass endlich mal das weiße Zeug, das ihm in den Mundwinkeln bleibt, groß herauskäme, der vertrocknete Schaum ... Scheißschaum, das ist sein Ejakulat. Der ejakuliert doch durch die Goschen, wenn er sich im Dienst der deutschen Literatur aufgeilt."* Beim bloßen Abschreiben dieser Zeilen laufen mir kalte Schauer den Rücken hinunter. Und es bestätigt sich einmal mehr, dass schriftstellerische Größe nicht unbedingt mit menschlicher Größe einhergeht.

Schon vor zwei Jahren, als ich nur Ausschnitte aus dem Buch kannte, schrieb ich ein Gedicht, hatte aber Bedenken, es zu veröffentlichen. Denn du musst wissen, liebe Debbie, bei uns in Deutschland ist das nicht so einfach wie bei euch, wo ein Michael Moore, eure Regierung als dumme weiße Männer bezeichnen darf, nein bei uns ist es schon problematisch, darüber zu spekulieren, ob unser Kanzler sich die Haare färbt oder nicht. Und der Persönlichkeitsschutz geht so weit, dass sogar Bücher verboten werden können, wenn sich jemand, den vorher niemand kannte, zufällig darin erkennt, mit dem völlig absurden Ergebnis, dass dann jeder weiß, wer gemeint war. Trotzdem machen wir uns natürlich große Sorgen um die Meinungsfreiheit in den USA. Aber zurück zu meinem Problem, ich habe nämlich eine Lösung gefunden: Da ich ja keine große Schriftstellerin bin, darf ich, um Missverständnissen vorzubeugen, meinem Gedicht Erläuterungen anfügen. Und genau das habe ich auch getan, et voilà:

Walzser-Tanz

eins zwo drei

eins zwo drei

eins zwo drei

eins zwo drei

eins zwo drei vier

eins zwo drei vier

rechts zwo drei vier

rechts zwo drei vier

rechts

rechts

rechts

Erläuterung Nr. 1: Dieses Gedicht unterstellt Martin Walser keinen Antisemitismus. Es zeigt lediglich, wohin das "Spiel mit antisemitischen Klischees" führen kann.

Erläuterung Nr. 2: Das Wörtchen "rechts" in diesem Gedicht kann jederzeit durch "links" ersetzt werden.

Liebe Grüße, Karin

* Martin Walser "Tod eines Kritikers", Suhrkamp 2002, Seite 135

© Karin Quade, 26. November 2004

 

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