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France-Germany
 

 

Mühltal, 31. Januar 2004

Liebe Debbie,

wieso schreibe ich dir eigentlich die ganze Zeit auf englisch? Aus Höflichkeit oder Arroganz? Weil ich davon ausgehe, dass mein Englisch auf jeden Fall besser ist als dein Deutsch? Dabei ist es heute vielleicht umgekehrt. Also schreibe ich dir einfach mal auf deutsch.

Ich habe vor ein paar Wochen in der Zeitung gelesen, dass Kanzler Schröder zum 60. Jahrestag der Landung der Alliierten in der Normandie eingeladen ist. Das ist eine große Ehre.

Eigentlich müsste ich mich freuen, dass sich Frankreich und Deutschland so gut verstehen. Ich liebe Frankreich, die Melodie und Eleganz der Sprache, die Lebensart, das Land, vor allem der Süden hat es mir angetan. Bereits mit 13 habe ich die Osterferien in einer französischen Gastfamilie verbracht, und die Freundschaft hält bis heute. Nach dem Abitur war ich ein Jahr als Au pair dort und nach meinen ersten vier Semestern Jura in Passau habe ich in Aix-en-Provence meine "licence en droit" gemacht. Als sich dann die Möglichkeit bot, noch ein ERASMUS-Studienjahr in England dranzuhängen, habe ich nicht lange gezögert. Was die Anerkennung von Studienleistungen aus dem Ausland betrifft, war Frankreich absolut vorbildlich, denn ich hatte nach zwei Studienjahren in Deutschland, einem in England und nur einem in Frankreich einen französischen Studienabschluss, die "maîtrise en droit". Ein Abschluss übrigens, der in Deutschland immer noch nicht vollständig anerkannt wird.

Kaum vorstellbar, dass noch die Generation unserer Großeltern in dem jeweils anderen Land den Erbfeind gesehen hat. Dies zu ändern war das große Verdienst von Adenauer und de Gaulle, weitergeführt unter Schmidt und Giscard D´Estaing, gipfelnd in der Versöhnungsgeste von Kohl und Mitterand auf dem Soldatenfriedhof von Verdun. Mit Schröder und Chirac sah es anfangs gar nicht so rosig aus, der erste Besuch des deutschen Bundeskanzlers ging nicht nach Frankreich, der deutsch-französische Motor kam kurzzeitig zum Erliegen. Umso erstaunlicher dass sich Schröder letzten Oktober sogar von Chirac beim Europäischen Rat in Brüssel vertreten ließ. Und nun ist Schröder also in die Normandie eingeladen, zum 60. Jahrestag der alliierten Landung, diese Ehre wurde nicht einmal Helmut Kohl zum 50. Jahrestag zuteil.

Alles wunderbar, könnte man meinen. Aber wie ist es in Wirklichkeit um Frankreich und Deutschland bestellt? Sind es gemeinsame Stärken, die vereinen, oder vielmehr gemeinsame Schwächen?

Die Wirtschaft beider Länder floriert nicht, die Reformen stocken, die Arbeitslosenquote ist hoch, beide Länder haben den Stabilitätspakt verletzt. Immer weniger französische Kinder lernen deutsch (im laufenden Schuljahr nur noch 7,7 % als erste Fremdsprache und 12 % als zweite), und umgekehrt sieht es wahrscheinlich auch nicht viel besser aus. Viel Positives lässt sich auf den ersten Blick nicht erkennen.

Vereint waren Deutschland und Frankreich vor allem in ihrer anti-amerikanischen Haltung. Dies gipfelte in der sogenannen "Friedensallianz", die Schröder und Chirac mit Putin gebildet hatten, ausgerechnet mit Putin, der für den blutigen Krieg in Tschetschenien verantwortlich ist.

Das ist kein gutes Fundament für eine Freundschaft. Freundschaft sollte auf gemeinsamen Zielen und Werten aufbauen, und nicht nur ein Zweckbündnis sein, um die eigene Ohnmacht und Bedeutungslosigkeit zu kaschieren und die Schuld für alle Probleme einem anderen zuzuschieben.

Ich war in Arromanches, wo die Allierten gelandet sind. Ich habe die vielen weißen Kreuze gesehen, die für die amerikanischen Soldaten, die dort ihr Leben ließen, um Frankreich und ganz Europa zu befreien, stehen. Und ich weiß genau, dass ich es diesen gefallenen Soldaten verdanke, dass ich in Demokratie und Freiheit aufwachsen durfte, und wenn ich "dankbar" sage, dann ist das für mich keine Pflicht, sondern ein Bedürfnis. Und ich frage mich, wo dieses natürliche spontane Gefühl von Dankbarkeit bei den Franzosen und Deutschen geblieben ist. Wo ist es geblieben? Weg, weil es nie da war? Weg, weil es schon so lange her ist? Weg, weil es unangenehm ist, sich daran zu erinnern, dass man sich nicht aus eigener Kraft von den Nazis befreien konnte? Dass man auf die Hilfe der Amerikaner angewiesen war? Weg, weil man sich über die eigenen Schwächen ärgert? Weg, weil man diese Ohnmachtsgefühle durch Größenwahn, Arroganz und Selbstüberschätzung zu überspielen versucht?

Was für eine traurige Freundschaft!

Trotzdem alles Liebe, deine Karin

© Karin Quade, January 31st 2004

 

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