Ausschnitte aus der “Rede von Bundespräsident Köhler zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus”, 27.01.2009, Berlin:
(…) Die Nationalsozialisten kamen weit mit dem Versuch, das Volk zu vernichten, das nach biblischer Überlieferung von Gott die Zehn Gebote erhalten hat, und sie wollten diese Gebote selbst und den Respekt vor der Heiligkeit des Lebens auslöschen. Sie wollten den Deutschen das Gewissen austreiben. So ist die Schoah mehr als ein ungeheuerlicher Verstoß gegen moralische Prinzipien, die alle Kulturen und Religionen verbinden. Sie ist der Versuch, alle Moral abzuschaffen.
Das Menschheitsverbrechen der Nationalsozialisten hat gezeigt, wie dünn der Firnis der Zivilisation ist, wie zweischneidig die Errungenschaften von Wissenschaft und Technik, wie zerbrechlich die kulturellen Sicherungen, auf die wir uns täglich wie selbstverständlich verlassen.
Hitler und seine Leute hätten ihre Verbrechen nicht begehen können, wenn es nicht so viele Mittäter und Mitläufer gegeben hätte: glühende Fanatiker, aber auch “ganz normale Männer” und Frauen, stumpfe Befehlsempfänger und bedenkenlose Profiteure, in denen uns die Banalität des Bösen begegnet. Und schließlich die vielen, die wegschauten und schwiegen.
Diese Vergangenheit in eine Beziehung zur eigenen Gegenwart und Zukunft setzen und Lehren aus ihr ziehen - das ist der Sinn unseres Erinnerns. Wir erinnern uns aus Respekt vor den Opfern. Wir erinnern uns, um aus der Geschichte zu lernen. Und wir erinnern uns um unserer selbst willen. Denn Erinnerung bedeutet auch: Nach der Wahrheit, nach einem festen Grund für das eigene Leben suchen.
Wer sich der eigenen Vergangenheit nicht stellt, dem fehlt das Fundament für die Zukunft. Wer die eigene Geschichte nicht wahrhaben will, nimmt Schaden an seiner Seele. Das gilt für jeden Menschen. Und ich bin überzeugt: Es gilt auch für Völker und Nationen. Denn nur mit der Erinnerung leben, birgt die Chance, mit sich und anderen ins reine zu kommen.
Die Verantwortung aus der Schoah ist Teil der deutschen Identität. Die Trauer über die Opfer, die Scham über die furchtbaren Taten und der Wille zur Aussöhnung mit dem jüdischen Volk und den Kriegsgegnern von einst - sie führen uns zu den Wurzeln unserer Republik: “Die Würde des Menschen ist unantastbar.” So lautet der erste Artikel unseres Grundgesetzes. Dieser Satz ist die Antwort auf die Erfahrung der Hitler-Diktatur. Er ist ein Bekenntnis zu Menschlichkeit und Freiheit. (…)Es ist ein Geschenk, dass heute in Deutschland wieder jüdisches Leben erblüht, dass die jüdischen Gemeinden wachsen, dass Rabbiner bei uns ausgebildet und neue Synagogen gebaut werden. Aber dass die Orte jüdischen Lebens von der Polizei vor alten und neuen Extremisten geschützt werden müssen, das ist eine Schande. Stellen wir uns an die Seite unserer jüdischen Landsleute. Wer sie angreift, greift uns alle an.
Die größten Feinde der Erinnerung sind die Verdrängung und die Lüge. Wir dürfen nicht zulassen, dass Holocaust-Leugner und Extremisten aller Art in unserem Land Beifall oder auch nur Verständnis finden. Wer gegen Juden und andere Minderheiten hetzt, wer Anderen die Menschenwürde abspricht, hat nichts aus unserer Geschichte gelernt. Treten wir solchen Leuten entschieden entgegen. Gestatten wir es ihnen nicht, Deutschlands Namen zu beflecken. (…)
“Wer sie angreift, greift uns alle an.”
Genauso ist es.
Vor Jahren hatte ich schon diesen Wunsch geäußert:
Immer noch müssen Synagogen in Deutschland von der Polizei geschützt werden. Ich wünsche mir, dass uns das nicht nur betroffen macht, sondern, dass wir uns persönlich getroffen fühlen. Denn dann werden die Polizeiautos eines Tages überflüssig sein.
Das steht übrigens immer noch auf der EKKW-Website, man muss nur bis zu meinem Eintrag vom 17.11.2004 herunterscrollen.
Und wie sieht es heute aus? In den letzten Wochen war die Anwesenheit der Polizei mehr als je zuvor erforderlich. Um pro-isralische Demonstranten zu schützen gegen sogenannte Friedensdemonstranten, die unter anderem “Tötet die Juden!” gerufen haben.
Eine Schande für unser Land. Und wer tritt diesen Leuten entschieden entgegen? Außer den Polizisten vor Ort? Unser Bundespräsident in seiner Rede? Explizit jedenfalls nicht.