(…) War das nur Care-Paket-Opportunismus? Das war es sicher auch. Und doch viel mehr. Praktisch erlebten die Berliner - und in nicht minder nachdrücklicher Weise die Bewohner der amerikanisch besetzten Zone Westdeutschlands -, dass die amerikanische Lebensweise etwas für sich hat. Nach Jahren des nationalen Wahns und einer einschließenden Deutschtümelei ging ein Fenster auf, und man spürte, dass der als dekadent, materialistisch und kulturlos diffamierte Gegner alles andere als das war. Noch nie zuvor hatten die Deutschen erlebt, dass Markt plus Demokratie ein guter Nährboden für Wohlstand ist und dass die Freiheit etwas darstellt, was lohnt. In Deutschland hat man immer dazu geneigt, das Materielle und das Geistige als Gegensätze zu sehen. Das eine schloss das andere immer aus, die Welt war immer halbiert. Amerika war ein Beweis dafür, dass das nicht so sein muss.
Das Beweismaterial war umfangreich: Die Soldaten - Schwarze darunter -, die ab und an Schokolade an Kinder verteilten und die ziemlich wenig militaristisch wirkten; die Schulspeisungen, die Care-Pakete, die sonstige politische und wirtschaftliche Hilfe beim Wiederaufschwung des Landes und der Schaffung seiner Institutionen und nicht zuletzt die Amerika-Häuser, die einer ganzen Generation angelsächsische Kultur erschlossen und ihr Einblicke in eine glückliche, stolze Nation gaben. Am überzeugendsten war aber wohl die Berliner Luftbrücke, die vor 60 Jahren begann und fast ein Jahr dauerte. Eine Großstadt so lange Zeit in wesentlichen Teilen aus der Luft zu versorgen: Das war eine ungeheure logistische Leistung, die die West-Berliner lehrte, wie segensreich intelligenter Materialismus sein kann. Zugleich war das Unternehmen in einem hohen Maße idealistisch. Wohl ging es, kurz nach der Währungsreform, darum, einer expansionistisch gesinnten Sowjetunion Paroli zu bieten. Aber es hätte ja durchaus sein können, dass den Amerikanern das eingeschlossene West-Berlin mit seinen Trümmern und den baulichen Resten der Hitler-Herrschaft gleichgültig gewesen wäre. Dass sich Amerika anders verhielt, war der größte denkbare Beweis dafür, dass Kapitalismus und Menschenliebe gut zusammenpassen können.
Das Jubiläum dieses Wunders wird in diesen Tagen verhalten gefeiert. (…) Auf Dankbarkeit ist offensichtlich dauerhaft keine Beziehung zu bauen. Und fast sieht es so aus, als sei es manchem peinlich, dass das Land damals auf Hilfe angewiesen war. Vielleicht können viele Amerika nicht verzeihen, dass es unsere große Stunde der Schwäche ganz aus der Nähe erlebt hat. Die Luftbrücke spielt in der großen Erzählung von der Gestaltwerdung der Wunderrepublik Bundesrepublik nur am Rand eine Rolle. Sind wir im Westen angekommen?
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