Sarkozy - Vive la révolution?

My favorite French President Sarkozy has had quite a revolutionary idea: Move the institutes of social studies from their nice “gauche caviar” neighborhood to the suburbs, so that they can actually see what they are writing about. - I like the idea.

“Ab in die Banlieue” von Wolf Lepenies, Die WELT, 8.11.2007

Die Pariser Institute für Sozialwissenschaften sollen in die Vorstädte ziehen. Damit sie sehen, worüber sie sonst nur reden

Eine Super-Uni, wie sie Senator Zöllner für Berlin plant, gibt es nicht nur in den USA. Es gibt sie auch in Paris, im Quartier Latin, wo seit dem Mittelalter die Wissenschaften heimisch sind. In enger Nachbarschaft zueinander finden sich auf dem linken Ufer der Seine unter anderem die Sorbonne, das Collège de France, die Ecole Normale Supérieure, die Ecole des Chartes und die Ecole des Mines. Drei Wissenschaftsinstitutionen, in denen die Human- und Sozialwissenschaften konzentriert sind, sollen das Quartier Latin verlassen und in den Norden umsiedeln. Paris, so die Kritiker, wird ärmer an Geist, wird immer mehr zu einem reinen Wirtschafts- und Touristenzentrum.
Die Betroffenen wittern ein Komplott der Regierung. Historiker erinnern an die Abwicklung der Politischen Wissenschaften durch Napoleon. Bei den drei Institutionen, die ihren angestammten Platz im “lateinischen Viertel” aufgeben sollen, handelt es sich um die Ecole Pratique des Hautes Etudes (EPHE), die Ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales (EHESS) und die Maison des Sciences de l’Homme (MSH). (…)
Zunächst war nur an einen vorübergehenden Auszug gedacht. Dann boten die Behörden der Ecole Pratique an, im Norden von Paris eine “Cité des Humanités et des Sciences Sociales” zu errichten. Auf 25 000 Quadratmetern sollte für 65 Millionen Euro ein neues geistes- und sozialwissenschaftliches Zentrum entstehen. Der Umzug war für 2010/2012 geplant. Jetzt hat sich herausgestellt, dass das Gebäude am Boulevard Raspail schon im nächsten Jahr geräumt werden muss. Nun sollen alle drei Institutionen nach Aubervilliers umziehen und sich 19 000 Quadratmeter teilen - 6000 weniger, als ursprünglich alleine für die Ecole Pratique vorgesehen waren.
Weniger die zu erwartende Raumnot als die Wahl des Standortes provoziert den Protest der Betroffenen. Aubervilliers, an der Bahnlinie gelegen, die Paris mit dem Flughafen Charles de Gaulle verbindet, war ein Zentrum der Vorstadtunruhen. Hier, so die Kritiker, finden sich weder Baum noch Strauch, keine Bibliothek und nichts von der Infrastruktur, die im Quartier Latin das Forschen in der Nachbarschaft von Restaurants wie der “Brasserie Lipp” und Cafés wie dem “Deux Magots” so angenehm machte. Natürlich erwähnen Kritiker des Umzugs in der Öffentlichkeit weder Restaurants noch Cafés. (…)
Aus dem Streit um den Ort ist längst eine Auseinandersetzung über das Selbstverständnis der Sozialwissenschaften geworden. Hatten sie sich im schicken Milieu des VI. und VII. Arrondissements nicht längst der sozialen Wirklichkeit entfremdet? Täte es Soziologen und Psychologen, Völkerkundlern und Historikern nicht gut, in den Problemvierteln der Pariser Vorstädte zu arbeiten, in denen nachts noch immer die Autos brennen? In der Tageszeitung “Le Monde” protestierten mehr als ein Dutzend Professoren gegen den Zwangsumzug nach Aubervilliers. Die Vizebürgermeister des Ortes konterten mit einem Offenen Brief, in dem sie die “Bürger-Forscher” schon jetzt bei sich willkommen hießen. Raffiniert appellierten sie an deren soziales Gewissen: In Aubervilliers würden sich die Human- und Sozialwissenschaften nicht in der Nachbarschaft von Boutiquen und Cafés, sondern unmittelbar neben dem “Platz der Volksfront” wiederfinden. (…)