Leo-Baeck-Medaille für Mathias Döpfner

Dem Vorstandsvorsitzenden der Axel Springer AG, Dr. Mathias Döpfner, ist gestern in New York die Leo-Baeck-Medaille verliehen worden. In der Begründung des Leo-Baeck-Instituts heißt es:

Mathias Döpfner hat die Vergangenheit begriffen und sich in den deutschen Medien als stärkste Stimme gegen Selbstzufriedenheit im Angesicht terroristischer Bedrohung sowie gegen Toleranz gegenüber der Intoleranz erwiesen.

Wie Hannes Stein berichtet, begann Döpfner seine Rede, wie es in Amerika üblich ist, mit einem Witz:

Ein Franzose, ein Deutscher und ein Amerikaner werden von Terroristen gefangen. Jeder darf noch einen letzten Wunsch äußern. Der Franzose will die Marseillaise singen. Der Deutsche möchte eine Ansprache halten über “gewaltlose Lösungen in internationalen Konflikten unter besonderer Berücksichtigung des Völkerrechts und der ökologischen Nachhaltigkeit”. Der Amerikaner will lieber zuerst erschossen werden.

“Eine Frage der Freiheit” von Mathias Döpfner, Die WELT, 16. November 2007

Ausschnitte aus der großartigen Rede zur Verleihung der Leo-Baeck-Medaille in New York:

(…) Der große Konflikt der Gegenwart und Zukunft ist der Zusammenprall zwischen dem modernen, westlichen Modell einer freien Gesellschaft mit einem vormodernen, kollektivistischen Modell in Teilen des Orients. So wie die jüdisch-christliche Zivilisation für die Freiheit des Individuums steht, so steht der islamische Fundamentalismus und mit ihm jede Form des Radikalismus für die Intoleranz. Seine Geisteshaltung ist antiindividualistisch, antikapitalistisch, antiamerikanisch und antisemitisch. Da gibt es nicht viel zu debattieren: Entweder man will gleiche Rechte für Männer und Frauen oder nicht; entweder man will Demokratie oder man will sie nicht; entweder man ist Antisemit oder nicht. Wie man die Wurzel dieses Konflikts auch immer beschreiben mag, Israel liegt in seiner Mitte. Das heißt nicht, dass der Konflikt, dass die Aggression sich auf Israel beschränkten. Im Gegenteil. Wenn Ahmadinedschad sein Ziel erreichen würde, Israel zu vernichten, wäre dies nur der erste Schritt. Er würde sich ermutigt fühlen. Es wäre eine Einladung zum Tanz.
Denn der wahre Feind dieses Denkens ist der Westen, ist unsere Art zu leben, ist jene “Verantwortung, in der Freiheit an Freiheit sich wendet”. Darum sieht die gesamte westliche Welt sich der Herausforderung gegenüber, eine Meinung zu Israel, dem Nahen Osten und der Frage zu formulieren, wie bedroht die Freiheit wirklich ist. Wir müssen uns selbst erklären. Und das bedeutet zunächst einmal auf der politischen Ebene das Bekenntnis zu einer gemeinsamen israelisch-amerikanisch-europäischen Partnerschaft - kurz gesagt: einem echten westlichen Bündnis. Dieses Bündnis hat ein klares Ziel: größtmöglichen Druck zugunsten der Rechtsstaatlichkeit auszuüben und jede Art des Terrorismus zu bekämpfen, ob es sich nun um palästinensischen oder iranischen, um die Hamas oder die Hisbollah handelt.
Werden die Radikalen oder die Gemäßigten gewinnen? Und werden die Gemäßigten genügend Willensstärke in diesem asymmetrischen Konflikt aufbringen? Das ist die große Frage. Hier steht alles auf dem Spiel. Wir brauchen eine westliche Wertegemeinschaft. (…)
Und ich hoffe zuversichtlich, dass Europa Folgendes versteht: Jede Trennung von den Vereinigten Staaten wird jene Kräfte nur stärken, die unsere Werte unterminieren wollen, die Fundamente der westlichen Gesellschaft, das Leben, das wir mögen und wollen. Wenn Europa - und in einer idealen Welt Europa und Russland - sich deutlich hinter Israel stellen würde, das schließlich die einzige Demokratie des Nahen Ostens ist, dann wäre dies, davon bin ich überzeugt, der Schlüssel zu einem langfristigen Frieden. Und wenn schon nicht Frieden, dann nenne man es Stabilität und Sicherheit. Dann könnten palästinensische und iranische Führer Europa und Amerika nicht mehr gegeneinander ausspielen wie ein Kind, das sich an den Vater wendet, nachdem es von der Mutter nicht das bekommen hat, was es verlangte. In diesem Konflikt ist nicht Äquidistanz gefragt, sondern ein klarer Standpunkt.
Und das bedeutet, die Demokratie zu verteidigen - mit allen Mitteln. Natürlich sollten wir alles tun, um eine militärische Option zu vermeiden. Ein wichtiger Teil davon ist: eine militärische Option nicht auszuschließen. Noch wichtiger ist bei dieser Strategie eine internationale oder wenigstens europäisch-amerikanische Unterstützung für Wirtschaftssanktionen. Das ist das Minimum. Ich verstehe nicht, wie jemand gegen Sanktionen sein kann, der die militärische Option vermeiden will. Wir sprechen über Sanktionen gegen ein System, das offiziell erklärt, es sei sein Regierungsziel, einen anderen Staat zu vernichten. Unglücklicherweise ist die Anwendung von Sanktionen in Teilen Europas sehr unpopulär. Was brauchen wir eigentlich noch? Wollen wir warten, bis sie die Atombombe haben? Dann wird es zu spät sein. Nach dem Zweiten Weltkrieg, nach dem Holocaust, gibt es aus verständlichen Gründen eine starke pazifistische Grundstimmung in Europa und Deutschland. Der Konsens war: Nie wieder Krieg. Doch die wirkliche Lektion, die vor allem Deutschland aus der Geschichte gelernt haben sollte, lautet meiner Meinung nach: Nie wieder Diktatur, nie wieder Rassismus, nie wieder Völkermord und niemals Toleranz gegenüber der Intoleranz. Das bedeutet: Niemals Appeasement gegenüber irgendeiner Form des Antisemitismus. Der Antisemitismus von heute ist vor allem ein Antisemitismus islamischer Fundamentalisten.
Deutschland kann die Nadel des europäischen Kompasses bewegen. Also sollten wir es tun. Diese Handlungsweise läge nicht nur im israelischen, sondern auch in unserem eigenen Interesse: Demokratie, Freiheit und, ja, das Streben nach dem Glück.
Lassen Sie mich zum Abschluss an ein Bild erinnern. Als ich vor zwei Wochen in Israel war, bewegte dieses Fernsehbild mich wieder. Es ist schon ein paar Jahre alt und nicht besonders wichtig im klassischen Sinn dieses Wortes - aber mich beeindruckte es. Die Sonne scheint in Tel Aviv. Ein lächelndes kleines Mädchen mit einem bunten Rucksack lässt seine Gasmaske in der Hand baumeln und sagt in die Kamera: “Ab morgen muss ich meine Gasmaske nicht mehr mit in die Schule nehmen!” Mich berührte dieses Bild, denn es steht für so vieles in Israel: die Verwundbarkeit, den permanenten Ausnahmezustand, die Tatsache, dass sogar Kinder sich an ihn gewöhnt haben, aber auch für die Lebenslust, für Israels unbedingten Überlebenswillen. Tun wir alles, um sicherzustellen, dass Gasmasken und nukleare Drohungen aus diesem Bild verschwinden. Europa hat - in sei-nem eigenen Interesse - große Verantwortung. Und, - wenn wir Erfolg haben -, eine große Zukunft.