DIE WELT: In Ihrem Buch vergleichen Sie zwei marktfeindliche Ideologien. Den Sozialismus damals und den Environmentalismus heute, dominiert von der Klimafrage. Vor 40 Jahren, beim Prager Frühling, gingen aus dieser Stadt entscheidende Impulse aus zur Überwindung des Sozialismus. Geht jetzt von Ihnen ein neuer Prager Frühling aus, quasi für ein besseres Klima?
VACLAV KLAUS: Ich will nicht zu optimistisch sein. Aber es scheint zurzeit doch einiges in Bewegung zu kommen. Die Menschen werden nachdenklich. Ein kleiner Wendepunkt war womöglich der Nobelpreis für den Ideologen und Propagandisten Al Gore. Wenn das Nobel-Komitee den Klimawarnern helfen wollte, so hat es ihnen damit keinen Gefallen getan. Das fanden viele nicht mehr seriös, da wurde der Rubikon überschritten. Als Wirtschaftswissenschaftler kenne ich im Übrigen auch das Gesetz vom abnehmenden Grenzertrag. Investieren Sie immer weiter in ein und dasselbe Projekt, so nimmt der jeweils zusätzliche Ertrag ab. So geschieht es auch mit den ewig gleichen Mahnungen wegen des Klimawandels.
DIE WELT: Der Film von Al Gore darf in britischen Schulen laut Gerichtsbeschluss nur noch gezeigt werden, wenn der Lehrer vorher auf die Kritik am Film hingewiesen hat. Wird der Film auch an tschechischen Schulen gezeigt?
VACLAV KLAUS: Ich hoffe nicht.
Das Hayek-Institut in Wien hatte ihn eingeladen, eine Rede zu halten und um ihn für seine Haltung mit einer Skulptur zu beehren. Doch erst mal beklagte sich der Gast: In der Ankündigung, so kritisierte der tschechische Staatspräsident Václav Klaus, sei sein Vortrag mit dem Titel “Klimawandel und nachhaltige Entwicklung” angekündigt. Doch wenn es einen Begriff gebe, der nicht zu seinem Wortschatz gehöre, so sei es bitte die “nachhaltige Entwicklung” - eine Redewendung, die unter Ökologen immerhin zum zentralen Glaubensbekenntnis für das Gute avanciert ist.
Umso mehr sprach Klaus in seiner Rede dann von den “Environmentalisten”, wie er die Umweltschützer standhaft nennt - denn so kann er sie auch lautmalerisch heranrücken an Sozialisten und Kommunisten. Gefährliche Ideologen sind sie für ihn. Die einen haben ihm und seinem Land jahrzehntelang die Marktwirtschaft verwehrt, und nun, nach einem kurzen Intermezzo genossener Freiheit, fürchtet er, dass die anderen nahtlos an jene finstere Zeit anknüpfen wollen. Nach dem staatswirtschaftlichen Fünfjahresplan für die Produktion jetzt der staatswirtschaftliche Fünfzigjahresplan fürs Klima? Es wäre ein Graus für Klaus, dessen Vorbilder Margaret Thatcher und Milton Friedman sind, der die Marktwirtschaft “ohne Attribute” bevorzugt. Der in den 60er-Jahren, als seine Landsleute im Prager Frühling noch von Ota Siks “drittem Weg”, vom sanften Sozialismus träumten, an Universitäten in den Vereinigten Staaten schon den Liberalismus pur inhalierte.
Václav Klaus, seit der Prager Wende 1990 bedeutender Staatsmann in einem prosperierenden Land der EU und der Nato, nacheinander Finanzminister, Regierungschef, Parlamentspräsident und Staatsoberhaupt - Václav Klaus spielt nicht mit. Nicht beim Dauerkonzert, mit dem dieser Tage im Stakkato fortissimo die Bigband aller Global Player vor dem Weltuntergang warnt. Václav Klaus bläst und trommelt quer. Er warnt vor denen, die die Welt vor ihrem Untergang retten wollen. Er gibt mit seinen 66 Jahren das Enfant terrible in der internationalen Klimadebatte, den “Anti-Gore”. Und seinen Platz auf der Bühne, den verteidigt er vehement.
Im vergangenen September, bei der Sitzung der UN-Vollversammlung zum Weltklima, war er der einzige Dissident, hielt eine Rede, in der die These vom gesicherten menschengemachten Klimawandel stark in Zweifel gezogen wurde. Und in der er als Reaktion auf die Erderwärmung eine Anpassung der Menschen an die neuen Bedingungen forderte, dagegen die aus seiner Sicht allzu unsichere und wirtschaftsfeindliche Strategie einer aktiven Klimapolitik ablehnte: “Der Anstieg der globalen Temperaturen”, trug Klaus vor, “war im Gegensatz zu den künstlich geschaffenen Vorstellungen in den letzten Jahren, Dekaden und Jahrhunderten im historischen Vergleich sehr klein und in seinem realen Einfluss auf die Menschen praktisch unbedeutend.” Und die Zeitreihen, auf die sich die weiteren Vorhersagen einer “hypothetischen Bedrohung” stützten, seien noch dazu viel zu kurz. Klaus forderte die UN auf, zwei parallele Weltklimaräte (IPCC) zu installieren, die konkurrierende Berichte veröffentlichen sollten. Es war ein Auftritt, der auch in Tschechien - und nicht zuletzt bei Mitgliedern der Prager Regierung - für einiges Kopfschütteln sorgte.
Doch Klaus ist bekannt dafür, sich von Widerspruch nicht aus der Bahn bringen zu lassen - zumal er nach seinem Auftritt wenigstens bei vielen Vieraugengesprächen, wie er sagt, erheblichen Zuspruch von anderen Staatsmännern bekam. Er legte ein Buch vor, das dieser Tage auf Deutsch erscheint: “Blauer Planet in grünen Fesseln. Was ist bedroht: Klima oder Freiheit?”, und in dem er seine Kritik an der derzeitigen Klimapolitik ausbreitet. (…)
Vaclav Klaus latest book will soon be available in German:
The title speaks for itself - “A Blue, Not a Green Planet…What’s At Risk - the Climate, or Freedom?” In the book, President Klaus calls for a “rational” debate on global warming, saying the “hysteria” surrounding climate change was being driven by “ambitious environmentalists”. Mr Klaus compares the environmentalist approach towards nature to the Marxist approach to economic theory, saying both attempt to replace the free and spontaneous evolution of mankind with global planning.
Seems as if a new Prague Spring could sweep away the dogma of global warming. Maybe I should emigrate?