Diese Woche wurde Angela Merkel mit dem Leo-Baeck-Preis ausgezeichnet. Ich habe soeben die bewegende Laudatio von Wolf Biermann gelesen.
Ausschnitte:
(…) Mir kommt auch Ihre Auszeichnung heute mit dem Leo-Baeck-Preis vor wie eine Bitte um Beistand, ein Appell an Menschen in Deutschland, die Einfluss haben auf die Politik der Bundesrepublik gegenüber den Juden im eigenen Lande und gegenüber dem Staat der Juden im Nahen Osten. Der Leo-Baeck-Preis scheint also eine Auszeichnung zu sein, speziell gedacht für Deutsche, die man bei den Ostjuden “a mensch” nennt, und “a mensch”, das heißt, wenn man es aus der jiddischen Sprache ins Deutsche übersetzt, nicht etwa “ein Mensch”, sondern bedeutet immer genau dies: “Ein guter Mensch”.
Sie jedenfalls müssen weder ermahnt noch genötigt werden. Ihre Reden zum Nahostkonflikt, verehrte Bundeskanzlerin, hören sich in meinem Ohr nicht so sophisticated an wie die Ihres Vorgängers im Amte. Sie bewegen sich in bester Luther-Tradition. “Eure Rede aber sei: ,Ja, ja; nein, nein.’” Heilfroh war ich, als ich in diesen Tagen Ihr großes Interview in der Springer-Zeitung DIE WELT las. Ich habe mir die Stelle ausgeschnitten und in mein Arbeitsbuch geklebt wie einen babylonischen Talisman. Sie wurden da zitiert mit einem Statement zum Konflikt mit dem Iran. Nun habe ich es von der Bundeskanzlerin also schwarz auf weiß in meiner Kladde:
“Wir können die Augen vor einer Gefährdung nicht verschließen. Ich trete mit Nachdruck dafür ein, dass wir das Problem auf dem Verhandlungsweg lösen, aber dazu müssen wir auch bereit sein, weitere Sanktionen zu verhängen, wenn der Iran nicht einlenkt. Er bedroht die Sicherheit Israels, die für mich als deutsche Kanzlerin niemals verhandelbar ist. Er bedroht die Region, Europa und die Welt. Das müssen wir verhindern.”
Und neben diesen Zeitungsschnipsel notierte ich mir: “Im Grunde alles Selbstverständlichkeiten, die aber leider gar nicht selbstverständlich sind.” Die deutschen Exportinteressen auf dem arabischen Weltmarkt stehen auf dem Spiel! Die Abhängigkeit vom islamischen Öl lehrt uns das Fürchten! Und gleichzeitig fliegt der kleine Zar Wladimir Putin vom “date” mit der deutschen Bundeskanzlerin direkt von Berlin nach Teheran zu seinem Freund, dem kleinen Hitler A. (Ahmadinedschad), und verbündet sich demonstrativ mit diesem fanatischen Todfeind der Juden.
Unter uns: Ich halte Russlands Stabilisator Putin aus deutscher Sicht für höchst instabil, denn Gasmann Schröders lupenreiner Demokrat kopiert mit solch einer Liaison dangereuse seinen blutigen Vorgänger Stalin, als der sich mit Adolf Hitler 1939 ins Bett legte. Putin vereinbarte grade jetzt ungeniert weitere technische Hilfe und Lieferungen fürs iranische Atomprogramm und verspricht den Mullahs obendrein modernere Raketen, mit denen die Atomsprengköpfe, die der Iran bald haben wird, auch weit genug nach Israel und noch weiter nach Europa transportiert werden können. Und in der Uno sichert der gelernte Geheimdienstler das Milliardengeschäft ab durch sein Veto im Sicherheitsrat: eine perverse Form der Globalisierung. So absurd passieren die Tragödien der Weltgeschichte: Die blinden Helden führen ihr Schicksal herbei, indem sie es abzuwenden trachten.
Aber der grausame Gott des Zufalls wütet im Geschichtsprozess auch manchmal so verrückt, dass manches sich zum Guten wendet.
Sie, Angela Merkel, kommen mir vor wie solch ein gelungenes Zufallsprodukt der Weltgeschichte. Was ‘ne wunderbar verdrehte Welt: Ausgerechnet das Menschenkind Angela aus dem Pfarrhaus, das prima Russisch gelernt hat in der DDR, wo kein normaler Schüler Russisch lernen wollte, redet nun Tacheles mit den Russen. Eine Frau, die die Gesetze der Physik studierte in einem Land, wo zwei mal zwei nicht vier sein durfte - ausgerechnet sie bringt den Großkopfeten der Europäischen Union lebensklug wie eine erfahrene Grundschullehrerin das kleine Einmaleins der politischen Moral bei und dazu das große Einmaleins einer moralischen Politik. Ausgerechnet eine Frau aus der größten DDR der Welt zeigt den Machtmännern, dass unsere Erde tatsächlich immer kleiner wird, dass unser Planet in Bälde eine globale Dorfregierung braucht und dass also die verteufelte Globalisierung die einzige Chance für uns ist, als Menschheit womöglich noch ein paar Jahrtausende auf diesem Erdball durchs Universum zu rollen.
Warum hassen so viele Europäer dermaßen maßlos die Juden? Warum halten sie das bedrohte Israel, die einzige Demokratie in der arabischen Region, für den gefährlichsten Kriegstreiber in der Welt? Und woher kommt dieser hysterische Hass gegen die USA? Ich wüsste gern, verehrte Angela Merkel, Ihre Meinung.
Eine mögliche Antwort: Die Deutschen haben zwei verbrecherische Kriege vom Zaun gerissen und verloren, also ziehen sie daraus die dummschlaue Lehre: Pfoten weg! Ich kriegsgebranntes Kommunisten- und Judenkind war immer für den Frieden, konnte aber niemals ein Pazifist sein. Also hat es mein Herz gefreut, als ich las, was Sie zu diesem heiklen Thema öffentlich äußern: “Ein Blick zurück in unsere eigene Geschichte mahnt dazu, den Frieden als wertvolles Gut zu erhalten und alles zu tun, um kriegerische Auseinandersetzungen zu vermeiden. (…) Ein Blick in die gleiche Geschichte mahnt aber auch, dass ein falsch verstandener, radikaler Pazifismus ins Verhängnis führen kann und der Einsatz von Gewalt - trotz des damit einhergehenden Leides - in letzter Konsequenz unausweichlich sein kann, um noch größeres Übel zu verhindern.
Auch die jüngere europäische Geschichte zeigt, dass Krieg im Umgang mit Diktatoren zur ‘Ultima Ratio’ werden kann. (…) Beim Kosovo-Krieg hat eine ‘coalition of the willing’ durch den Einsatz von Gewalt noch größeres Leid (…) verhindert.”
Ich vermute, dass alle Europäer, die Russen eingeschlossen, den USA einfach viel zu viel verdanken. Manchmal kommt es mir so vor, als ob der Mensch Untaten besser aushält als Wohltaten. Es klingt paradox - aber wir alle wollen doch uns dankbar erweisen für unsere Retter. Der Mensch schämt sich aber und wird aggressiv vor allem dann, wenn er keine Chance sieht, sich jemals zu revanchieren. Ohne die heldenhafte Hilfe der USA hätte Hitler in Westeuropa und gegen Stalins Sowjetunion den Weltkrieg wahrscheinlich gewonnen. Übermächtige Gründe zur Dankbarkeit machen womöglich auch die Völker seelenkrank. Und der Judenhass? Er ist so alt, so gediegen. Denken Sie an den genialen Luther als Todfeind der Juden. Ja, Opfer können wohl verzeihen. Aber die Juden werden vor allem gehasst wegen der Shoa, weil die Täter den Opfern niemals verzeihen können, was sie ihnen antaten. Sie, Frau Merkel, sind in diesem fatalen Zusammenhang etwas günstiger dran, weil Sie - “in echt” - die Gnade der späteren Geburt genießen und sich auch nicht etwa damit berühmen, dass Sie sich beknirschen.
Ihr verblüffender Aufstieg vom belächelten Ostmädchen des Kanzlers Kohl zu Schröders Fiasko und nun zu einer weltweit respektierten Frau hat, vermute ich, seinen Grund auch in Ihrer lehrreichen Erfahrung als Unterthan in einem totalitären Regime, wie es die DDR war.
Wer von klein auf in einer totalitären Diktatur lebte, hasst die Freiheit, weil er sie fürchtet, oder er liebt sie mit umso größerer Inbrunst.
Ja, Sie sind ein Ostmensch, aber kamen mir nie wie ein “Ossi” vor. Sie sind eine Deutsche, die in keine West- oder Ost-Schublade reinpasst. Mit Verlaub, ich komme mir so ähnlich vor. Unsereins quält die Frage noch tiefer als einen geborenen Demokraten: Wo sind die Grenzen der Freiheit? Darf unsere Toleranz immer wieder so weit gehen, dass die Intoleranz triumphiert? Gelten Freiheitsrechte auch für Freiheitsfeinde? (…)Wer den Nahen Osten kennt, der weiß: Wenn die Araber endlich ihre Waffen niederlegen, wird es dort keinen Krieg mehr geben. Wenn aber Israel die Waffen niederlegt, wird es kein Israel mehr geben.
Viele Europäer neigen dazu, Juden und Araber als Streithähne zu sehen, als Raufbolde, die man mit der Rute der Vernunft zur Räson bringen muss. Den Israelis wird raffinierte Hinterlist unterstellt, und den Arabern eine aufbrausende Unmündigkeit.
Sie, Frau Bundeskanzlerin, brechen mit dieser infamen und infantilen Äquidistanz. Als ich mir Ihre Statements zu Israel anschaute, fand ich ein Wort, das mich berührte:
“Wir haben erst spät gelernt - und ich sage das für mich auch persönlich - wie unermesslich viel Deutschland durch die Shoa verloren hat und wie viel Liebe deutscher Juden zu diesem Land unerwidert geblieben ist.” (…)
“Behutsam und beharrlich”, Die WELT dokumentiert Wolf Biermanns Laudatio, 7. November 2007