“Ungedeckter Wechsel” (Printfassung: “Was kann guter Wille?”) von Thomas Schmid, WELT, 9. Juni 2007:
(…) Doch man wird den Verdacht nicht los, dass für viele der eigentliche Erfolg von Heiligendamm woanders liegt: darin, dass es “uns” gelungen ist, die verstockten USA einzufangen. Der Gipfel als der Sieg europäischer Vernunft über amerikanische Unvernunft. Wäre das die Lehre aus Heiligendamm, wäre wieder einmal vergessen: Es schadet Europa, wenn es Amerika als ein fremdes Land begreift. Als Präsident Reagan vor 20 Jahren am Brandenburger Tor das Niederreißen der Mauer forderte, galt er als Kriegstreiber. In Wahrheit war seine Rede so etwas wie geistige Entwicklungshilfe. Noch immer meinen viele, nicht dafür dankbar sein zu müssen.
“Reißen Sie diese Mauer nieder!” von John C. Kornblum, WELT, 9. Juni 2007
Untertitel: “Vor 20 Jahren, am 12. Juni 1987, forderte Amerikas Präsident Ronald Reagan seinen sowjetischen Amtskollegen Michail Gorbatschow auf, der Teilung Europas ein Ende zu machen. Er galt deswegen als Kalter Krieger. Doch er bekam recht. John C. Kornblum, einst US-Botschafter in Deutschland, war wesentlich am Zustandekommen der Ansprache beteiligt.”
Ein Text voller Déjà vus:
(…) Das Ausmaß der in Europa, insbesondere in Deutschland durch den Raketenstreit ausgelösten Ängste hat mich damals tief beeindruckt. Oft wurde ich bei Diskussionen von den Buhrufen des Publikums übertönt. Ich wurde Kriegstreiber und Schlimmeres genannt. Mütter, Tränen in den Augen und ihre Babys im Arm, traten an mich heran und erflehten ein Ende der “amerikanischen Aggression”. Die Angst vor dem Atomkrieg war mit Händen zu greifen und brachte nicht wenige Deutsche beinahe um den Verstand. Aufgrund dieser Erfahrungen gewann ich den Eindruck, dass die Vereinigten Staaten zwar die militärische Seite der Auseinandersetzung für sich entschieden hatten - die Russen aber drauf und dran waren, den politischen und psychologischen Krieg der Worte zu gewinnen. (…)
In den sechs Wochen, die bis zum Besuchstermin blieben, verfeinerten wir unsere Vorstellungen über den Inhalt der Rede. Ich war an der Entstehung einiger Reden Reagans und anderer Präsidenten beteiligt gewesen und wusste, wie schwierig das sein konnte. Immer lagen Mitarbeiter des State Departments und des Nationalen Sicherheitsrats einerseits und die Redenschreiber des Weißen Hauses andererseits im Wettstreit. Mit Ronald Reagan im Weißen Haus war diese Kluft besonders ausgeprägt, da sich die Redenschreiber selbst als Hüter des Reagan-Erbes begriffen. Unsere letzte und wichtigste Idee geriet zwischen diese Fronten. Als uns in unregelmäßigen Abständen verschiedene Entwürfe erreichten, wurde deutlich, dass die logische Schlussfolgerung unserer breit angelegten Initiative im Text fehlte. Der Präsident musste entschieden auftreten, ohne zu provozieren. In unseren Augen musste er Gorbatschow direkt dazu aufrufen, die Mauer zu öffnen. Nachdem ich die Idee an meinem Berliner Stab ausprobiert hatte, schickte ich sie als persönlichen Vorschlag an den Nationalen Sicherheitsrat. Bald hörte ich, dass die Redenschreiber in dieselbe Richtung tendierten, das State Department, mein eigenes Zuhause, aber dagegen sei. Wie wir später erfuhren, nahmen die meisten leitenden Berater des Präsidenten an dem Streit über die Frage teil, ob der Aufruf aufgenommen werden sollte. Als ein Kollege vom Nationalen Sicherheitsrat am Brandenburger Tor aus dem Delegationsbus stieg, erfuhr ich von ihm, der Präsident habe persönlich entschieden, den Satz aufzunehmen: “Glückwunsch, dein Satz ist drin.”Den Moment der Rede selbst werde ich nie vergessen. Nach all dem Hin und Her war sich Reagan der Macht der Worte bewusster als all seine Berater. Nicht umsonst wurde er der große Kommunikator genannt. Für mich war diese Rede Ronald Reagans “Brandenburgisches Konzert”. Der Rest ist, wie man so sagt, Geschichte. Die Welle der Friedensmärsche ebbte nach der Unterzeichung des Washingtoner Vertrags über nukleare Mittelstreckensysteme im Dezember langsam ab. Die fruchtbare Beziehung, die sich zwischen Reagan und Gorbatschow entwickelte, die wachsenden Anzeichen demokratischer Unruhe in Ungarn, Polen und anderswo und, vielleicht mehr als alles andere, Amerikas Bereitschaft, die Nulllösung zu akzeptieren und alle nuklearen Mittelstreckenraketen aus Europa abzuziehen, zeigten Wirkung.All das hält für uns heute eine Lehre bereit. Die Westeuropäer verloren in den Achtzigerjahren nicht deshalb die Nerven, weil sie den Kommunismus liebten, sondern weil sie Angst hatten, dass die aggressive Sprache auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs den Frieden der Ära nach 1945 zerstören würde. Selbst nach dem Zusammenbruch des Kommunismus, in meiner Zeit als stellvertretender Leiter der Verhandlungen von Dayton und später als Botschafter in Deutschland begegnete ich noch derselben Zerbrechlichkeit. Für die Psychologie vieler Europäer in Ost und West bleibt sie zentral. Dass amerikanische Unterstützung die Europäer so weit gebracht hat, wie sie gekommen sind, ist eine der stolzesten Errungenschaften der Geschichte. Die Europäer haben nicht von Natur aus einen schwachen Willen.Doch das Trauma eines Jahrhunderts der Kriege sitzt so tief, dass der Kontinent noch immer damit beschäftigt ist, sein Selbstvertrauen zurückzuerlangen. Und die Ängste, die die Achtzigerjahre zu einem furchtsamen Jahrzehnt machten, bestehen nach wie vor - die in Europa vorherrschende Reaktion auf Wladimir Putins Münchner Rede vom Februar 2007 beweist es. Und auch die Emotionen, die während der Debatte über den Irak-Krieg für so viel transatlantischen Konflikt sorgten, waren dem gegen die Vereinigten Staaten gerichteten Zorn der Achtzigerjahre auffallend ähnlich.