Is America conformist? – Ist Amerika konformistisch?

Elisabeth Noelle-Neumann, la grande dame of opinion research in Germany said in a recent interview: „I would not like to live in America. America is conformist.” I do not know whether she is right or wrong, whether this is anti-American or not, I can only say that the word “conformism” makes me think of two German dictatorships, of “Hitlerjugend” and “FDJ” rather than of America. But after all I have only spent a few weeks in the US and of course I do not have her experience of life, she just turned 90.

Elisabeth Noelle-Neumann hat kürzlich in einem WELT-Interview * gesagt:

„Ich wollte nicht in Amerika leben. Amerika ist konformistisch. Am 16. September werden die Strohhüte ab- und die Filzhüte aufgesetzt. Amerika ist ein freies Land mit einem hohen Maß an Konformismus – das ist eigentlich schwer vorstellbar, aber es ist so. Unter dem Joch der öffentlichen Meinung, so schrieb schon Tocqueville, leben die Amerikaner. Ich will Ihnen eine Szene berichten. An meinem ersten Tag in Amerika wurde für uns Studentinnen ein Abendessen im International House gegeben. Rechts neben mir saß ein 21-Jähriger. Und der sagte, sehr stolz: `I am just average`, ich bin richtiger Durchschnitt. Ich hatte mir Amerika anders vorgestellt.“

Ich weiß nicht, ob sie recht hat oder nicht, ob das anti-amerikanisch ist oder nicht, aber wenn ich das Wort „Konformismus“ höre, denke ich zuerst an zwei deutsche Diktaturen, an Hitlerjugend und FDJ, nicht an Amerika. Aber ich habe ja auch nur ein paar Wochen in den USA verbracht. Und ihre Lebenserfahrung habe ich auch nicht, sie ist schließlich gerade neunzig geworden.

In dem gleichen Interview erzählt sie übrigens auch von ihrer Begegnung mit Hitler:

WELT.de: Später sind Sie aber Hitler sogar persönlich begegnet.

Noelle-Neumann: Das kam so. Ich studierte in München. Im Wintersemester 1935/36 bekam ich plötzlich die Mitteilung, ich sei zur Zellenleiterin der ANST, der „Arbeitsgemeinschaft nationalsozialistischer Studentinnen“, ernannt worden. Ich gründete mit etwa 14 Studentinnen eine Arbeitsgemeinschaft, die sich einmal die Woche traf und Presseanalyse betrieb. Wir untersuchten die verschiedenen journalistischen Stilformen. Eines Tages machte ich meinen Zellen-Genossinnen den Vorschlag, wir sollten uns einmal ansehen, wie es oberhalb von Berchtesgaden aussehe, auf dem berühmten Obersalzberg. Alle waren einverstanden. Uniform hatten wir nicht, wir zogen aber alle anlassgemäß schwarzen Rock und weiße Bluse an. Das Gelände am Berg war eingezäunt. Auf einmal wurde ein Gitter zurückgezogen, und Hitler schickte einen Adjutanten, der uns sagte: „Der Führer möchte Sie sehen.“ Nichts besser als das. Hitler kam uns entgegen, begrüßte uns mit Handschlag und sagte: „Haben Sie Lust, Tee mit mir zu trinken?“ „Ja, ja“, schrien wir alle. Das fanden wir natürlich sehr aufregend. Dann kamen wir auf die Terrasse.

WELT.de: Welchen Eindruck machte Hitler auf den ersten Blick?

Noelle-Neumann: Einen netten. Er war in Zivil und wirkte geradezu herzlich. Es ist für mich heute noch schwer zu fassen, dass dieser Mann für einen entsetzlichen Massenmord verantwortlich war. Nichts davon war dieser Person anzusehen. Er wirkte gar nicht wie ein Monster.

WELT.de: Wie ging es weiter?

Noelle-Neumann: Hitler sah mich intensiv an, platzierte mich neben sich. Dann nahm er mich und führte mich an das Geländer der Terrasse und sagte, das ist wirklich Originalton: „Ich frage mich immer, ob es mir so gehen wird wie Moses, der zwar das Gelobte Land sah, es aber nicht betreten durfte.“

WELT.de: Waren Sie nicht befangen?

Noelle-Neumann: Dagegen spricht mein Selbstbewusstsein. Ich bin nie befangen.

WELT.de: War Faszination im Spiel?

Noelle-Neumann: Ja, so war es. Bei der Anreise sah ich im Wartesaal des Münchner Bahnhofs ein Hitlerbild. Da wirkte er ganz reizlos, platt und hässlich, er interessierte mich nicht. Nach der Rückfahrt traute ich meinen Augen nicht. Als ich wieder auf das Hitlerbild blickte, sah er plötzlich ganz anders aus. Viel besser, viel sympathischer. Belebt und gewinnend.

* Die WELT, 27.12.2006, S. XII, „Die 50er-Jahre waren die glücklichsten - Elisabeth Noelle-Neumann im Gespräch über Schutzengel, Journalismus, Amerika, Hitler, Demoskopie, Adenauer, Kohl, Adorno und die gereifte Seele der Deutschen” von Thomas Schmid und Michael Stürmer
In der Online-Fassung vom 26.12.2006 auf welt.de lautet der Titel: „Was ist das Wichtigste im Leben, Frau Noelle-Neumann?“